Die Glasfenster der Kirche St. Mariä Himmelfahrt
Auffällige Besonderheit der Kirche St. Mariä
Himmelfahrt sind ihre Glasfenster, einerseits kraftvoll farbig,
andererseits verhalten in Grauschattierungen und Gelb ausgeführt. Mit der
Wahl farbiger Kirchenfenster für die neue Kirche wurde ein typisches
Wesensmerkmal rheinischer Kirchen aufgenommen, deren zahlreiche romanische
und gotische Kirchen bunter, bemalter Scheiben bedurften. Der Bedarf an
farbigen Kirchenfenstern war daher auch nach dem Zweiten Weltkrieg in der
Aufbauphase dieser Region ungebrochen und zahlreiche Künstler knüpften an
die große Tradition der rheinischen Glasmalerei an.
Über die Beauftragung und Anfertigung der
Buntglaskirchenfenster für die 1955 im Bau befindliche Kirche St. Mariä
Himmelfahrt geben die Unterlagen kaum Auskunft. Im Protokoll der
Jahreshauptversammlung des Kirchenbauvereins vom 21. Januar 1956 ist
festgehalten, dass „die Anfertigung der Buntglaskirchenfenster, für die
ein Kölner Künstler z. Zt. Entwurfkartons anfertige und deren Herstellung
einige Monate dauere, da für jedes Fenster 4 – 6 Wochen Arbeitszeit
benötigt werden".
Das Rundbogenfenster über dem Haupteingang der Kirche
nennt den bildgestaltenden Künstler und die ausführende
Glasmalereiwerkstätte: Inv[enit] (= Entwurf). H. Lünenborg, fec.[it] (=
Ausführung) Dr. Reuter.

Über dem Haupteingang befindet sich das große Rundfenster mit dem so
genannten "Gnadenstuhl" in der Mitte:
Christus, am Kreuz hängend, wird gehalten von Gott-Vater, über beiden
schwebt die Heilig-Geist-Taube. Hinter dem Kreuz Christi ist ein
übergroßer Kelch zu erkennen.
Der Maler und Glaskünstler Hans Lünenborg
Hans Lünenborg wurde am 20. April 1904 in
Mönchengladbach als Sohn eines Sanitätsrates geboren. Nach seinem Abitur
im Jahr 1922 studierte er 1923-1925 erst an der Werkkunstschule Krefeld
und danach an der Hamburger Akademie. In den Jahren 1926/27 beendete er an
der Düsseldorfer Akademie seine Studien und arbeitete ab 1928 als freier
Künstler in verschiedenen Ateliers. Seit 1940, unter den
Nationalsozialisten, galten die Werke Hans Lünenborgs als entartet.
Ungeachtet dieser Wertung seiner Kunst wurde er 1941 zum Militär
eingezogen und befand sich bei Kriegsende in US-Kriegsgefangenschaft.
Zwischenzeitlich war bei den Bombenangriffen auf Mönchengladbach der
Hauptteil seiner frühen Arbeiten ein Raub der Flammen geworden.
1951 zog Hans Lünenborg nach Köln. Neben zahlreichen
Aufträgen sakraler wie profaner Art, Mosaiken, Portraits und Bilder,
darunter Glasmalereien u.a. für die Treppenhausgestaltung des Kölner
Gürzenich, war er Mitherausgeber der Zeitung „Weltwarte", eine Beilage zur
Kirchenzeitung mit Beiträgen und Bildern zur damaligen Kunstszene. Zur
gleichen Zeit entwickelte sich ein Künstlerstammtisch zu dessen Besuchern
neben Hans Lünenborg auch Ewald Mataré (1887–1965) gehörte, der z.B. die
Eingangsportale des Kölner Doms gestaltete. Hans Lünenborg verstarb am 1.
April 1990 in Köln.
Die Kirchenfenster, eine charakteristische Arbeit Hans
Lünenborgs
Geprägt haben Hans Lünenborg Vertreter des
Expressionismus wie Heinrich Nauen (1880-1940), Emil Nolde (1867-1956)
oder Erich Heckel (1883-1970), später auch die Maskenbilder von James
Ensor (1860-1949). Befreundet war er u.a. mit Heinrich Campendonk
(1889-1957), einem Künstler der Gruppe Blauer Reiter.
Das Werk Hans Lünenborgs umfasst nicht nur Bilder im
Sinne der klassischen Vorstellung, sondern auch zahlreiche Zeichnungen,
Entwürfe und Kartons für Glasfenster. Hervorzuheben sind hierbei seine,
nach dem Zweiten Weltkrieg entstandenen Fenster in den Kölner Kirchen St.
Peter und St. Maria Lyskirchen sowie St. Antonius in Kevelaer. Eine
Besonderheit bei den Fenstern Hans Lünenborgs ist dabei „seine
außergewöhnlich expressiv surreale Darstellungsweise mit eigener Symbolik
und die besondere Verquickung christlicher und weltlicher Thematik" (Nestler
[2005], 7).
Diese Charakterisierung trifft auch auf die in unserer
Pfarrkirche befindlichen Fenster zu:
Ungewöhnlich ist es - aber der eigentümlichen Bildsprache des Künstlers
zuzurechnen - in einem 'Schöpfungsfenster' (erstes Fenster auf der
Nordseite) einen Totenkopf darzustellen. Ein Motiv gleichermaßen
eigenwilliger Symbolik sind die Insektendarstellungen:
Fliege, Käfer, Heuschrecken u.a.m. Diese Besonderheit wurde sogar in einem
Aufsatz der Decheniana-Beihefte, die im Eigenverlag des Naturhistorischen
Vereins Bonn erscheinen, unter dem Titel Insektendarstellungen im Werk
des Kölner Künstlers Hans Lünenborg aufgegriffen. Dabei gehören
Kerbtiere einer Gruppe von Lebewesen an, die üblicherweise nicht als
schöne Tiere bezeichnet werden, sondern eher als Ungeziefer oder
Schädlinge und somit nicht, aus der beschränkten menschlichen Sichtweise,
Abbild einer guten Schöpfung sind: Der Kartoffelkäfer, ein Vernichter von
Feldfrüchten und Auslöser von Hungersnöten, oder die Heuschrecke, bereits
im Alten Testament als Achte Plage genannt und Symbol für Not und Elend
(Ex 10,12-15).
Ebenso typisch für Hans Lünenborg und dem Stichwort der
weltlichen Thematik zuzuordnen ist das 'Erntedankfenster' (drittes Fenster
auf der Nordseite) mit seinen starken Farben, der plastischen Abbildung
hiesiger Gemüse und Feldfrüchte, herausgegriffen aus dem Alltag der
Menschen, die diese Kirche haben bauen lassen.
In ihrer Gesamtheit betrachtet stimmen die
Kirchenfenster Hans Lünenborgs den Kirchenbesucher zwar nachdenklich aber
sie deprimieren nicht, sondern weisen auf das Ziel unseres Weges hin: die
im großen Rundfenster über dem Hauptportal dargestellte Stadt Gottes: „Ich
wollte zeigen, wie mitten in dieser wirren Welt die Hoffnung nicht
totzukriegen ist" (Hans Lünenborg zitiert nach SCHUNCK[2005], 99.)
Ein Fazit
Mit der Steffann’schen Kirche und den Glasfenstern
Lünenborgs besitzt Oedekoven ein Kleinod des Kirchenbaus und der sakralen
Kunst der Fünfziger Jahre. Aber ein Haus, nah und vertraut, das die
Gemeinde gleichermaßen zu stillem Gebet wie gemeinsamer Messfeier einlädt.